Recklinghausen Theater 2022

Opfervater trifft Tätervater

Das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel hat ein Gespräch zwischen zwei Männern dramatisiert, deren Kinder bei den Anschlägen von Paris 2015 getötet wurden.

Von Stefan Keim

Azdyne legt Georges die Hand auf die Brust. Eine Geste der Freundschaft und des Mitgefühls. Aber auch eine Grenzüberschreitung, eine Anmaßung. Denn Azdynes Sohn Sami gehörte zu den Attentätern, die im November 2015 im Pariser Bataclan-Theater wahllos Menschen getötet haben. Darunter war Georges Tochter Lola. Auch Sami ist gestorben. Nun treffen sich die Väter, um miteinander zu reden. „Wir haben Worte“ heißt die Koproduktion des Westfälischen Landestheaters Castrop-Rauxel mit dem Institut für Kulturarbeit der Stadt Recklinghausen.

Kein Wort an diesem Abend ist erfunden. Grundlage des von Christian Scholze verfassten Stücks ist das Buch „Il nous reste les mots“ (Uns bleiben die Worte) von Azdyne Amimour und Georges Salines, das Anfang 2020 in Frankreich erschien. Ein Protokoll der Gespräche zwischen den beiden, das auch auf Englisch erschienen ist. Eine deutsche Übersetzung gibt es bisher nicht, nur das Theaterstück.

Das Totschweigen eines Traumas

Die Initiative zum Dialog ging von Azdyne Amimour aus. In seiner eigenen Familie, so erzählt er im Stück, wird das Thema totgeschwiegen. Kein Wort über das große Trauma, das der Sohn hinterlassen hatte. Georges Salines ist Präsident einer Selbsthilfegruppe der Terroropfer. Er willigte ein, mit dem Vater eines der Täter zu sprechen.

Nun sitzen die beiden Schauspieler und Wolfgang Wirringa auf der Hinterbühne im Festspielhaus Recklinghausen. Beide tragen schwarze Rollkragenpullover, sitzen auf Stühlen vor zwei ungefähr zwei Meter hohen grauen Kästen. Es könnten Särge sein oder Trichter von Lautsprechern, vielleicht auch stilisierte Häuser. Die Ausstattung von Jeremias H. Vondrlik schafft einen Rahmen, löst Assoziationen aus, gibt aber keine klaren Deutungen vor.

Theater der Zwischentöne

„Wir haben Worte“ ist eine Aufführung der feinen Zwischentöne. Ohne die realen Personen nachspielen zu wollen, erkunden die Schauspieler die Gedanken und Gefühle der beiden Väter. Wolfgang Wirringa ist als Azdyne der aktivere, gestenreichere. Schließlich hat er den Vorschlag gemacht, sich zu treffen, hat das Verlangen, sich auszutauschen. Azdyne erzählt, wie sein Sohn Samy sich immer mehr für den Islam interessiert, sich von der Familie entfernt, immer mehr unter den Einfluss von Radikalen gerät. Der Vater stellt sich die Frage, ob er es verhindern konnte, ob er nicht aufmerksam genug war. Und berichtet von Razzien der französischen Polizei, bei denen alle Familienmitglieder wie Verbrecher behandelt wurden.

Georges ist in der Verkörperung von Neven Nöthig rationaler, bleibt offen, setzt aber immer wieder Grenzen. Was im Vater der 28jährigen Lola, die beim Konzert vor der Bühne getanzt hat, vorgeht, deutet der Schauspieler nur an. Gerade der sensible Minimalismus berührt, die kleine Geste, die von Trauer und Verzweiflung erzählt. Als ihm Azdyne die Hand auf die Brust legt, lässt Georges das einen Moment lang zu. Dann nimmt er die Hand und schiebt sie weg, ohne Azdyne zu verletzen. Die Geste geht ihm zu weit, aber er will den anderen nicht beleidigen. Diese Behutsamkeit und Genauigkeit prägt Ralf Ebelings packende Inszenierung.

Der Dialog als einzige Chance

Am Ende sind die beiden nicht Freunde geworden. Es gab keine Umarmung, keine großen Worte der Vergebung. Aber die Einsicht, dass man miteinander reden muss, dass Dialog möglich ist, um zumindest Feindschaft zu überwinden. Nach jeder Vorstellung bietet das Westfälische Landestheater eine Diskussion an. In Recklinghausen erzählten die Zuschauerinnen und Zuschauer zum Teil sehr persönlich von eigenen Gedanken und Erfahrungen. Ein Besucher berichtete, dass Nordafrikaner und Araber in französischen Großstädten keine Chance auf einen Arbeitsplatz hätten. Dass die Verzweiflung groß ist und eine Möglichkeit, Teil der Gesellschaft zu werden, kaum vorhanden ist.

Solche Theaterabende bieten die Möglichkeit, tiefer in Themen einzutauchen als es der Journalismus ermöglicht. Auch wenn sich die beiden Schauspieler nicht als Verkörperungen der realen Väter verstehen, ist ihre körperliche Präsenz und ihr herausragender Umgang mit Sprache ein Erlebnis, das berührt. Natürlich gibt es Täter und Opfer, doch in ihrer Verlorenheit finden die beiden Männer Momente der Gemeinsamkeit. Es wäre vermessen, sie beide verstehen zu können, das kann ein 75 Minuten langes Stück nicht leisten. Aber ein Gefühl für beide Seiten entwickelt sich schon. Der Titel „Wir haben Worte“ ist stimmiges Understatement. Denn in diesen Worten steckt sehr viel.


18. Oktober Kulturhaus Hamm 
6.–10. Januar 2023 Westfälisches Landestheater Castrop-Rauxel Studio


 

Foto: Volker Beushausen

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