Zentraler Ort für das kulturelle Leben in Recklinghausen ist das fantastisch im grünen Stadtgarten gelegene Ruhrfestspielhaus, das zum überregionalen Treffpunkt für Kulturfreunde avanciert ist. Renommierte Bühnen finden in dem 1998 umgebauten und mit dem Deutschen Architekturpreis ausgezeichneten Haus ihren adäquaten Rahmen.

ADRESSE

Ruhrfestspielhaus
Otto-Burrmeister-Allee 1
45657 Recklinghausen

ANSPRECHPARTNER

Frau Tanja Hud
tanja.hud@vccre.de
Telefon 02361/918-411

LEITUNG

Verwaltungsleitung: Michael Schulz, 02361/918-415
Technische Leitung: Martin Ross, 02361/918-336

THEATERDATEN

Spielzeitstart: Januar
Spielzeitende: Dezember
Sparten: Theater, Musical, Konzert, Tagung, Kongress, Party
Schwerpunkte: Theater, Tagungen
Sitzplätze: 1010
Bühnenraum: 1200 m²

www.vccre.de

Das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel hat ein Gespräch zwischen zwei Männern dramatisiert, deren Kinder bei den Anschlägen von Paris 2015 getötet wurden.
Von Stefan Keim
Azdyne legt Georges die Hand auf die Brust. Eine Geste der Freundschaft und des Mitgefühls. Aber auch eine Grenzüberschreitung, eine Anmaßung. Denn Azdynes Sohn Sami gehörte zu den Attentätern, die im November 2015 im Pariser Bataclan-Theater wahllos Menschen getötet haben. Darunter war Georges Tochter Lola. Auch Sami ist gestorben. Nun treffen sich die Väter, um miteinander zu reden. „Wir haben Worte“ heißt die Koproduktion des Westfälischen Landestheaters Castrop-Rauxel mit dem Institut für Kulturarbeit der Stadt Recklinghausen.

Kein Wort an diesem Abend ist erfunden. Grundlage des von Christian Scholze verfassten Stücks ist das Buch „Il nous reste les mots“ (Uns bleiben die Worte) von Azdyne Amimour und Georges Salines, das Anfang 2020 in Frankreich erschien. Ein Protokoll der Gespräche zwischen den beiden, das auch auf Englisch erschienen ist. Eine deutsche Übersetzung gibt es bisher nicht, nur das Theaterstück.

Das Totschweigen eines Traumas

Die Initiative zum Dialog ging von Azdyne Amimour aus. In seiner eigenen Familie, so erzählt er im Stück, wird das Thema totgeschwiegen. Kein Wort über das große Trauma, das der Sohn hinterlassen hatte. Georges Salines ist Präsident einer Selbsthilfegruppe der Terroropfer. Er willigte ein, mit dem Vater eines der Täter zu sprechen.

Nun sitzen die beiden Schauspieler und Wolfgang Wirringa auf der Hinterbühne im Festspielhaus Recklinghausen. Beide tragen schwarze Rollkragenpullover, sitzen auf Stühlen vor zwei ungefähr zwei Meter hohen grauen Kästen. Es könnten Särge sein oder Trichter von Lautsprechern, vielleicht auch stilisierte Häuser. Die Ausstattung von Jeremias H. Vondrlik schafft einen Rahmen, löst Assoziationen aus, gibt aber keine klaren Deutungen vor.

Theater der Zwischentöne

„Wir haben Worte“ ist eine Aufführung der feinen Zwischentöne. Ohne die realen Personen nachspielen zu wollen, erkunden die Schauspieler die Gedanken und Gefühle der beiden Väter. Wolfgang Wirringa ist als Azdyne der aktivere, gestenreichere. Schließlich hat er den Vorschlag gemacht, sich zu treffen, hat das Verlangen, sich auszutauschen. Azdyne erzählt, wie sein Sohn Samy sich immer mehr für den Islam interessiert, sich von der Familie entfernt, immer mehr unter den Einfluss von Radikalen gerät. Der Vater stellt sich die Frage, ob er es verhindern konnte, ob er nicht aufmerksam genug war. Und berichtet von Razzien der französischen Polizei, bei denen alle Familienmitglieder wie Verbrecher behandelt wurden.

Georges ist in der Verkörperung von Neven Nöthig rationaler, bleibt offen, setzt aber immer wieder Grenzen. Was im Vater der 28jährigen Lola, die beim Konzert vor der Bühne getanzt hat, vorgeht, deutet der Schauspieler nur an. Gerade der sensible Minimalismus berührt, die kleine Geste, die von Trauer und Verzweiflung erzählt. Als ihm Azdyne die Hand auf die Brust legt, lässt Georges das einen Moment lang zu. Dann nimmt er die Hand und schiebt sie weg, ohne Azdyne zu verletzen. Die Geste geht ihm zu weit, aber er will den anderen nicht beleidigen. Diese Behutsamkeit und Genauigkeit prägt Ralf Ebelings packende Inszenierung.

Der Dialog als einzige Chance

Am Ende sind die beiden nicht Freunde geworden. Es gab keine Umarmung, keine großen Worte der Vergebung. Aber die Einsicht, dass man miteinander reden muss, dass Dialog möglich ist, um zumindest Feindschaft zu überwinden. Nach jeder Vorstellung bietet das Westfälische Landestheater eine Diskussion an. In Recklinghausen erzählten die Zuschauerinnen und Zuschauer zum Teil sehr persönlich von eigenen Gedanken und Erfahrungen. Ein Besucher berichtete, dass Nordafrikaner und Araber in französischen Großstädten keine Chance auf einen Arbeitsplatz hätten. Dass die Verzweiflung groß ist und eine Möglichkeit, Teil der Gesellschaft zu werden, kaum vorhanden ist.

Solche Theaterabende bieten die Möglichkeit, tiefer in Themen einzutauchen als es der Journalismus ermöglicht. Auch wenn sich die beiden Schauspieler nicht als Verkörperungen der realen Väter verstehen, ist ihre körperliche Präsenz und ihr herausragender Umgang mit Sprache ein Erlebnis, das berührt. Natürlich gibt es Täter und Opfer, doch in ihrer Verlorenheit finden die beiden Männer Momente der Gemeinsamkeit. Es wäre vermessen, sie beide verstehen zu können, das kann ein 75 Minuten langes Stück nicht leisten. Aber ein Gefühl für beide Seiten entwickelt sich schon. Der Titel „Wir haben Worte“ ist stimmiges Understatement. Denn in diesen Worten steckt sehr viel.



18. Oktober Kulturhaus Hamm 
6.–10. Januar 2023 Westfälisches Landestheater Castrop-Rauxel Studio




 

Foto: Volker Beushausen > mehr

Das Westfälische Landestheater und das Institut für Kulturarbeit der Stadt Recklinghausen produzieren eine bemerkenswerte Bühnenadaption des Buches „Il Nous Reste Les Mots“.
Am 13. November 2015 ereignete sich in Paris einer der schlimmsten Terroranschläge der letzten Jahre. Bei den Anschlägen u.a. auf das Stade de France, das Bataclan und zahlreiche Bars und Restaurants starben 130 Menschen, 683 wurden verletzt. Allein im Bataclan-Theater wurden während des Konzerts der Eagles of Death Metal 89 Menschen getötet.

Unter den Opfern war die 28-jährige Lola Salines, die zum Zeitpunkt des Anschlags vor der Bühne tanzte. Einer der Täter war der ebenfalls 28-jährige Samy Amimour. Er wurde vom Anti-Terror-Kommando der französischen Polizei getötet.

Fast zwei Jahre später bat der Vater des Attentäters, Azdyne Amimour, den Vater von Lola Salines um ein Gespräch. Georges Salines stand als Präsident der Selbst-Hilfe-Vereinigung „13onze15 Fraternité et verité“ im Licht der Öffentlichkeit.

Trotz aller offensichtlichen Vorbehalte willigte Georges Salines ein. So kam es zu einer äußerst unwahrscheinlichen Begegnung, bei der sich die beiden Männer ihre Leben erzählten, sich gegenseitig schilderten, wie sie den Abend des Anschlags und die Tage danach erlebten. Wie sie sich bewusstwurden, dass sie beide Opfer sind, beide ein Kind verloren haben und der einzige Weg der Bewältigung und des Kampfes gegen den Terror im Miteinander liegt. Das Gespräch führte zu einer Nähe, die den beiden Vätern die Möglichkeit gab, ihren Schmerz in etwas Konstruktives zu verwandeln.

Anfang 2020 erschien der Dialog zwischen Azdyne Amimour und Georges Salines in Frankreich unter dem Titel „Il Nous Reste Les Mots“ als Buch. Als Ausdruck der Versöhnung erhielt es zunächst in Frankreich, dann auch bei Erscheinen der Übersetzung in den englischsprachigen Ländern, enorm viel Aufmerksamkeit. Es wurde als ein beeindruckendes, erschütterndes Zeichen der Toleranz wahrgenommen.

Das Westfälische Landestheater produziert die Uraufführung dieses außerordentlichen Textes.

Fotos: Volker Beushausen






Uraufführung

Inszenierung: Ralf Ebeling
Ausstattung: Jeremias H. Vondrlik
Dramaturgie: Christian Scholze
Regieassistenz/Abendspielleitung: Kristina Berens

Es spielen Neven Nöthig (Georges Salines) und Wolfgang Wirringa (Azdyne Amimour)

Nach dem Werk von Georges Salines und Azdyne Amimour mit dem Titel „Il Nous Reste Les Mots“, veröffentlicht bei Editions ROBERT LAFFONT

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