Aktuell

Die Kunst der Komödie

Das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel zeigt Ray Cooneys durchgedrehte Komödie „Taxi Taxi – Doppelt leben hält besser“

Von Stefan Keim

Boulevardtheater gilt für viele als Handwerk. Nicht wirklich als Kunst. Die Stücke laufen ab wie eine gut konstruierte Maschine. Man muss die Pointen bedienen, das Timing beachten, in den richtigen Momenten ein bisschen Charme versprühen. Klingt einfach, ist es aber nicht. Und manchmal gelingen Inszenierungen, die über das pure Lachtheater hinaus gehen. Regisseur Markus Kopf und das grandiose Ensemble des Westfälischen Landestheaters Castrop-Rauxel gehen  mit einem solchen Abend auf Tour – mit Ray Cooneys Farce „Taxi Taxi – Doppelt leben hält besser“.

John Smith hat zwei Frauen. In zwei Häusern, wenige Kilometer voneinander entfernt. Das ist kein Problem, denn John Smith ist Taxifahrer mit wechselnden Arbeitszeiten. So lange er seinem Terminkalender genau gehorcht, gibt es kein Problem. Aber nun hat John versucht, eine alte Dame gegen einen Dieb zu verteidigen. Er wurde verprügelt, von der alten Dame, aus Versehen, mit ihrer Handtasche. John war bewusstlos und im Krankenhaus. Die Wunde heilt schnell. Als er nach Hause kommt,  hat ein ganz anderes Problem: Sein Terminkalender ist durcheinander gekommen.

Was dann passiert, ist der blanke Wahnsinn. Der heute 86-jährige Engländer Ray Cooney kann wie kein anderer Situationen auf die Spitze treiben. Immer, wenn man denkt, es kann nicht mehr wilder werden, setzt er noch einen drauf. Nach Logik oder Psychologie darf man in diesen Stücken nicht fragen. Es geht einfach darum, keinen Gag auszulassen. Die Sache funktioniert, weil alle Menschen auf der Bühne trotz allem Irrsinn sympathisch sind.

Die Spielfläche ist zweigeteilt. Auf der einen Seite wohnt John Smith mit Mary, auf der anderen Seite mit Barbara. Ein toller Kniff in der Inszenierung von Markus Kopf ist es, dass die beiden Seiten nicht streng getrennt sind. Ganz selbstverständlich laufen die Schauspieler, die in Marys Wohnung spielen auch durch Barbaras hindurch, ohne jemals die zu berühren, die gerade dort zu sehen sind. Schon das ist eine choreographische Meisterleistung, da muss jede Bewegung sitzen.

Dann kommt es darauf an, nicht komplett Vollgas zu geben. Sondern ein bisschen Restenergie zurück zu halten, um im richtigen Moment die Situation explodieren zu lassen. Das Ensemble des Westfälischen Landestheaters sprüht vor Spiellust. Wie sich Franziska Ferrari als Barbara auf dem Boden liegend ein enges Kleid anzieht, ist eine Glanznummer für sich. Svenja Marija Topler ist als Barbara die bodenständigere der beiden Ehefrauen. Mario Thomanek gleitet als John Smith immer weiter in die Verzweiflung, Mike Kühne als sein bester Freund versucht erfolglos, etwas zu retten.

Dann gibt es noch zwei völlig durchgedrehte Polizeibeamte (Burghard Braun und Guido Thurk) und den offensiv schwulen Mitbewohner von oben (Emil Schwarz). Sie alle sorgen dafür, dass man vor Lachen mehrmals kaum noch Luft kriegt und um Gnade winseln will. Aber es kommt immer noch eine Pointe. Schließlich applaudiert das Publikum, bis die Hände schmerzen.

Natürlich lässt sich die Inszenierung als pure Unterhaltung deuten. Aber je nach Blick hat sie auch etwas abgedreht Philosophisches. Denn hier wird das bürgerliche Leben so konsequent und lustvoll demontiert, das am Ende nur der in seinen Trieben und Ängsten verstrickte, seltsame, unverständliche, in seiner Lächerlichkeit zutiefst sympathische Mensch zurück bleibt. Die Leute im Stück müssen sich ihr Leben wieder neu zusammen setzen. Was Markus Kopf in seiner präzisen Inszenierung zeigt, ist die ganz große Kunst der Komödie.


Im Herbst auf Tour, unter anderem in Hameln, Marl, Solingen, Bocholt, Lünen, Hamm.
Mehr Infos.


Fotos: Volker Beushausen

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Tagungsdokumentation erschienen

Die Stärkung des Theaters in der Fläche war das Ziel der Fachtagung „Landestheater und Bespieltheater in NRW – Bestandsaufnahme und Perspektiven“ am Mittwoch, 6. Februar 2019, im Rheinischen Landestheater Neuss. Anlässlich der Ergebnisse der „Bestandsaufnahme Gastspielmarkt NRW“ hatten das Kultursekretariat NRW Gütersloh, die INTHEGA (Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen e. V.) und die Landestheater NRW – das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel, das Landestheater Detmold, die Burghofbühne Dinslaken und das Rheinische Landestheater Neuss – die gemeinsame Konferenz initiiert.

Hier sind die Tagungsergebnisse nachzulesen.

Foto: Frank-Uwe Orbons

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Eine starke Geschichte über das Weiterleben

Die Burghofbühne Dinslaken zeigt eine Bearbeitung des Romans „Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Safran Foer

Von Stefan Keim

Nichts ist mehr normal. Thomas Schell ist beim Anschlag auf das World Trade Center gestorben. Sein neunjähriger hochintelligenter Sohn Oskar ist in tiefer Trauer versunken. Da findet er in den Sachen seines Vaters einen Schlüssel, auf dem der Name „Black“ geschrieben steht. Oskar läuft durch New York, besucht alle Leute, die „Black“ heißen, und hofft, etwas über seinen Vater herauszufinden. Die Burghofbühne Dinslaken hat Jonathan Safran Foers Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ nun als Theaterversion inszeniert und geht auf Tour.

Die schräge Sperrholzbühne ist einfach gehalten. Mit einem Projektor werden Texte von Folien  an die Wand geworfen – wie früher im Klassenzimmer. Ein Landestheater muss schnell auf- und abbauen können. Doch Jörg Zysiks Ausstattung wirkt nicht wie ein künstlerischer Kompromiss, im Gegenteil. Gerade durch die einfachen Mittel der Inszenierung geht die Konzentration ganz auf die Figuren und ihre Geschichte. Oskar wird gleich von drei Schauspielern verkörpert, von denen zwei auch andere Rollen einnehmen. Das klingt komplizierter als es ist. In der klugen und behutsamen Inszenierung von Mirko Schombert bekommt die Erzählung schnell einen natürlichen Flow. Auch weil die Schauspieler trotz Rollenwechseln sehr präzise und psychologisch genau die Charaktere ausleuchten.

Vor allem Julia Sylvester ist ein Ereignis. Die 26-Jährige ist die einzige, die den ganzen Abend über den Jungen Oskar spielt. Mit offenem, kritischem Blick schaut das Kind in eine Welt, die ihm bei aller Intelligenz seltsam, unlogisch und verdreht vorkommen muss. Oskar folgt einem unbedingten Gefühl, wie es manche Figuren Heinrich von Kleists tun. Er hat eine Mission, und es ist ihm egal, ob er sich dabei in Gefahr begibt. Seine Mutter ist längst wieder vom Alltag einfangen worden. Sie muss arbeiten, funktionieren, den Haushalt am Laufen halten. Christiane Wilke spielt diese Rolle und zugleich Oskars Großmutter. Ein tolles Konzept, denn die Oma  kann die Gefühle klarer entwickeln, die von der Mutter beiseite geschoben werden. Einfach weil sie mehr Zeit hat. Aber auch mehr Lebenserfahrung.

Denn die Großmutter hat schon einige Menschen verloren, die ihr wichtig waren. Als Oskar sich einmal versteckt, rastet sie fast aus, weil ihre Angst übermächtig zu werden droht. Für den Jungen ist alles nur ein Spiel, für die Oma ein existentielles Drama. Das ist eine von vielen überwältigenden Szenen dieses Theaterabends.

Regisseur Mirko Schombert ist es gelungen, jede Kitschklippe feinfühlig zu umsteuern. Jonathan Safran Foers Roman ist ja bereits verfilmt worden, viele Kritiker bemängelten ein Abrutschen ins Klischee. Auf der Bühne könnte manche Szene sogar noch ein bisschen mehr Emotion vertragen, vor allem im ersten Teil. Denn die Erzählform mit den wechselnden Rollen sorgt ja ohnehin schon dafür, dass die Gehirne des Publikums in Bewegung bleiben.

Die Aufführung ist eine starke Reflexion über das Weiterleben nach persönlichen Katastrophen. Über den Mut, zu fühlen und zu lieben, gerade nach schockierenden Erlebnissen und Verlusten. Außerdem zeigt sie, was für ein ausgezeichnetes Ensemble die Burghofbühne Dinslaken hat.


8. Februar Kolpinghaus Brilon
21. Februar Stadttheater Bocholt
26. Februar Hugenottenhalle Neu-Isenburg
1. April Theater Hameln
5. April Tenterhof Dinslaken
17. Mai Kulturhaus Lüdenscheid


Fotos: Martin Büttner

Aktuell

Die Spinne geht ihren eigenen Weg

Das Helios Theater in Hamm zeigt die Uraufführung des Musiktheaterstücks „Wer den Wind erweckt hat“

Von Stefan Keim

Am Anfang bläht sich noch die Plane, der Wind weht, alles ist in Ordnung. Doch plötzlich steht alles still. Und es bleibt auch so. Der Wind ist weg, es fehlt jede Bewegung in der Luft. Auf Dauer ist das lebensgefährlich.

Das neue Stück des Helios Theaters in Hamm basiert auf einer lettischen Sage. Die innovative Bühne, die im Hauptbahnhof ihr eigenes Haus hat und mit ihren Aufführungen viel unterwegs ist, beschreitet im Auftrag des Kultursekretariats NRW Gütersloh neue Wege. „Wer den Wind erweckt hat“ ist Musiktheater für Menschen ab 5. Die Spieler werden von einem live spielenden Trio unterstützt.

Die Musik dient nicht nur der Handlung
Sängerin Maika Küster, Klarinettistin Maryanne Piper und Schlagzeuger Dominik Hahn bleiben nicht nur auf ihren Stühlen. Sie stehen manchmal auf, gehen in die Szene hinein, begleiten die Handlung, ohne sie einfach zu illustrieren. Die Musik ist eine eigene Spielebene, reagiert auf die Geschichte, kommentiert sie, schafft Atmosphäre. Maika Küster singt keine Texte, sondern Vokalisen, auf einen Stil lässt sich das Trio nicht festlegen. Es sind Jazzelemente dabei, überhaupt viel improvisierte Musik, sanfte Dissonanzen, schwebende Klänge, ein zeitgenössischer Soundtrack.

Der bauchige Frosch und die kratzige Ratte
Die Helden des Stücks sind die Tiere. Sie kommen zusammen, beraten, was zu tun ist und machen sich schließlich auf, um den Wind zurückzuholen. Die Spieler Bahareh Sadafi – in Teheran geboren und dort auch zur Puppenspielerin ausgebildet – und Michael Lurse bringen eine Figur nach der anderen ins Spiel. Einen wohl bebauchten Frosch zum Beispiel, dessen Leibesfülle Autorität behauptet. Oder eine Ratte, der Bahareh Sadafi eine kratzige, hohe Stimme verleiht.

Star der Aufführung ist allerdings die Spinne. Sonst ist sie nicht gerade ein Tier, dem besondere Sympathien zufliegen. Wenn man mal von Spiderman aus dem Marvel-Universum absieht, aber der ist ja eindeutig menschlich. Mit ihren roten Haaren sieht die Spinne frech und eigenwillig aus. Lisa Schnee hat die Puppen aus Kleidungsstücken und Alltagsgegenständen gebaut, was ihnen einen leicht anarchischen Handmade-Beigeschmack verleiht.

Die Fliege und die fake news
Die Spinne geht ihren eigenen Weg, ganz allein, ohne die anderen Tiere. Denn sie ahnt, dass sie den Wind nur finden kann, wenn sie sich über den Ozean traut. Wahrhaftig gelingt es ihr, den Wind zu finden und ihn wieder zu erwecken. Aber damit ist die Geschichte längst nicht vorbei. Denn die Fliege versucht, der Spinne ihren verdienten Ruhm zu rauben und macht Stimmung gegen sie. Da ist das Kinderstück ganz aktuell. Es geht darum, wie man mit Lügen und fake news die Wahrheit verdrehen und andere manipulieren kann. Doch die Spinne gibt sich nicht geschlagen.

Der Text ist nicht die stärkste Seite des Stücks. Er bleibt sehr einfach, was vielleicht auch daran liegt, dass die Aufführung für Kinder ab fünf Jahren gedacht ist. Doch die ästhetische Umsetzung überzeugt. Die Bühne ist mit Sand bedeckt, Rohre, die wie grüne Äste aussehen bilden eine Installation. Bahareh Sadafi und Michael Lurse versuchen nicht, sich hinter den Puppen zu verstecken, sondern zeigen ganz offen, wie sie die Tiere bewegen. Das ist kein Illusionstheater, sondern eine Art von Spiel, die Kinder sofort verstehen. Weil auch sie so ihre Geschichten erzählen. Liebevoll gehen die Spieler mit Figuren und Objekten um. Zusammen mit der unaufdringlichen aber doch sehr präsenten Musik gelingt ein Gesamtkunstwerk, faszinierendes Musiktheater.

Ab nächstes Frühjahr wird das Stück auf Tour gehen. Das Förderprogramm „Heimwärts“ des Kultursekretariats  übernimmt einen Teil der Kosten dieser Gastspiele.

Foto: Anna-Sophia Zimniak, Helios Theater

Kirchhundem Kulturvermittlung Theater 2018

Mut-Sauerland: Mord im Sauerlandexpress

Das Jugend-Theaterensemble „Schrabbenstones“ entwickeln gemeinsam mit Ulrike Wesely das Bühnenstück „Mord im Sauerlandexpress“ – von der Handlung, über Licht, Ton und Musik bis zur Aufführung.

Das Jugend-Theaterensemble „Schrabbenstones“ kreiert unter Anleitung von Ulrike Wesely (Sängerin, Theaterpädagogin (BuT) und künstlerische Leitung von MuT-Sauerland e.V.) ein eigenes Stück für die Bühne im Kulturgut Schrabbenhof in Kirchhundem.

Die buntgemischte Truppe mit elf Kindern und Jugendlichen zwischen neun und 18 Jahren hat bereits im letzten Jahr eine Jugendkomödie erarbeitet und mehrmals erfolgreich aufgeführt. Inspiriert durch Exponate und Geschichten aus dem kleinen Heimatmuseum, das sich ebenfalls im Kulturgut Schrabbenhof befindet, entstand so das Stück „Ein Hochzeitskleid aus Fallschirmseide“.

In diesem Jahr widmet sich die Truppe dem Phänomen Zugfahren: Menschen, Geschichten und Krimi. In mehreren Theatertreffen haben die Jugendlichen bereits gemeinsam mit Ulrike Wesely die Rollen erarbeitet und den Plot entwickelt. Das ebenfalls teilnehmende Jugend-Improtheater „Die Springläuse“ assistiert hierbei. Nun sind die ambitionierten jungen Schauspieler dabei die einzelnen Szenen mit Leben zu füllen. Licht und Ton wird von den Jugendlichen selbst regiert und neben ein paar Toneinspielungen sind mindestens drei bis vier Songs geplant, die live gesungen und am Klavier begleitet werden. Bei allen Probentreffen findet neben der eigentlichen Arbeit am Stück immer Schauspieltraining mit Spiel und Spaß statt.

Die Geschichte: Mord im Sauerlandexpress – eine kuriose Zugfahrt

Es ist ein Tag wie jeder andere, so denkt Zugführer Ulrich Sasse und startet gemeinsam mit seinem Bistrochef André Gratin die tägliche Rundfahrt durch das Sauerland. Doch heute steigen äußerst dubiose Fahrgäste zu und ein Mordfall bestimmt die turbulente Rundreise.

Ausschlaggebend für das eine oder andere Chaos ist das Zug- Entertainment- Team: Magic-Duo mit Eddy und Freddy. Die beiden Zauberer sorgen mit ihren Tricks für viel Wirbel. Die hochschwangere Katharina Zweisam lässt sich in Beziehungsfragen gern von ihren Sitznachbarinnen beraten, die da wären: Großmutter Hannelore Altmann, die mit Schokolade alles wieder gut machen kann, Gertrud Dattelfeige, eine überzeugte Veganerin, Agatha-Maria-Elisabeth Müller, eine durchgeknallte Zeugin Jehovas, und die Junggesellin Skarlet Johannson, die bei dieser Fahrt beschließt, sich selbst zu heiraten und ihren Junggesellinnenabschied feiert.

Nachdem in der einzigen Boardtoilette eine Stinkbombe explodiert, stellen die Fahrgäste fest, dass dort ein Toter liegt. Während der Zugführer die Polizei kontaktiert, rätseln die schockierten Gäste, wer der Täter sein könnte. Frau Professor Dr. Marlene von Wittgenstein, die Leiterin der Psychiatrie Drolshagen, verdächtigt die geflohene Patientin Julia Meyer, die unter Schizophrenie leidet und sich ebenfalls im Zug aufhalten soll. Die Hobbydetektivin Bertha Bord scheint den Fall aufzulösen, da gerät der Zug in einen Tunnel und das Licht fällt aus. Was nun geschieht, darf an dieser Stelle nicht verraten werden. Wer es wissen möchte, sollte für eine der Aufführungen dringend ein Ticket lösen!

Termine

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Skurriler Kampf gegen die Atomindustrie

Christian Schäfer inszeniert am Theater Gütersloh mit einem grandiosen kleinen Ensemble satirische Komödien mit viel Gefühl. Eine Theaterkritik.

Von Stefan Keim

Wenn eine junge Frau Lily Herrgott heißt, könnte das Schicksal sein. Die 21jährige Heldin des Stücks „Loreley“ will jedenfalls die Welt retten. Sie lebt an der deutsch-französischen Grenze, im Schatten eines Atomkraftwerks. Ihr Freund Luc ist Hacker. Gemeinsam simulieren sie einen Störfall, natürlich nur virtuell, um die Atomindustrie ins Wanken zu bringen. Doch die Lage gerät außer Kontrolle, und die beiden fliehen den Rhein hinauf in Richtung Norden.

Viele Bespieltheater wollen nicht nur Gastspiele einkaufen, sondern im Rahmen des Möglichen eigene Aufführungen produzieren. Christian Schäfer, der künstlerische Leiter des Theaters Gütersloh, ist Regisseur und war vorher Intendant im Zimmertheater Tübingen. In den vergangenen fünf Jahren hat er in Zusammenarbeit mit den Ruhrfestspielen eine Trilogie produziert, die Maßstäbe setzt, was schrägen Charme und Originalität betrifft. Schäfer schreibt die Stücke unter dem Pseudonym Fink Kleidheu selbst. In „Island One Way“ reiste ein Paar auf Sinnsuche über die beliebte und schrecklich teure Insel. Wie in allen Stücken war schon hier der isländische Liedermacher Svavar Knútur dabei, ein herrlicher Typ, der einen Riesenspaß an derber Comedy in durchgeknallten Kostümen hat. Der aber auch einfach mal an der Gitarre sitzen und mit melancholischen Liedern das Herz bewegen kann.

Das tat er auch in „Der letzte Cowboy“, der ja wie schlagerfeste Mitmenschen wissen aus Gütersloh kommt und die Freiheit irgendwo sucht. Das ist das Thema aller drei Stücke. Junge Leute brechen auf, glauben an eine bessere Welt, wissen nicht recht, wo und wie sie daran mitarbeiten können und versuchen es einfach mal. Sie begeben sich in Gefahr, scheitern, lieben, trauern – und all das inszeniert Christian Schäfer mit einer Leichtigkeit und Gefühlstiefe, die ebenso an die eleganten screwball comedies des klassischen Hollywoodkinos wie an Aki Kaurismäki, aber auch an Monty Python erinnert. Eine Mischung, die man sich schwer vorstellen kann. Die Schäfer aber mit großer Selbstverständlichkeit auf die Bühne bringt.

Die Texte sind eine Mischung aus Erzählung und Spielszenen, rasant und selbstironisch ineinander verschränkt. Die Bühne besteht aus vielen Kästen, die man hinaus ziehen oder beiseite schieben kann. Immer wieder eröffnen sich neue Spielräume, bunt, schräg, comichaft. Bei aller Spiellust verlieren die wunderbaren Schauspieler niemals die ernste Grundlage ihrer Charaktere aus dem Blick. In „Loreley“ ist Lucie Mackert das Zentrum. In ihr stecken eine spätpubertäre Unschuld und Radikalität, sie löst Beschützerinstinkte aus, aber das ist völlig überflüssig, wenn nicht gar gefährlich. Denn diese Lily Herrgott weiß zwar nicht so recht, was ihr Weg ist. Aber sie geht ihn voller Energie. Eine moralische Hemmschwelle zwischen Weltverbesserei und Öko-Terrorismus kennt sie nicht. Fabian Baumgarten spielt Luc mit der hirnrasenden Wuseligkeit eines jungen Milan Peschel, und Christine Dienstberg wechselt wie Svavar Knútur ständig die Rollen, arbeitet mit grellen, scharfen Kanten, manche Figuren könnten aus Clever&Smart-Comics stammen (falls die noch einer kennt).

Von Heinrich Heine bis Rammstein-Rock reichen die stilistischen Anspielungen dieser Aufführung. „Loreley“ ist überraschend, man ahnt selten, was im nächsten Augenblick passieren wird. Ein Meisterstück des Humors, das beste Stück der Trilogie. Und dennoch möchte man gern die anderen beiden noch einmal sehen, um nach Bezügen und Entwicklungen zu sehen. Christian Schäfer und seinem Team ist da wahrhaftig etwas gelungen, eine ganz eigene, mutige, inhaltlich relevante und unglaublich unterhaltende Spielweise des Theaters.

Termine: 8., 9. und 14. September im Theater Gütersloh


Fotos: Kai Uwe Oesterhelweg


Theater 2018

Theater hilft Leben e.v.: Frida Kahlo

Wie Frida Kahlo über das Leiden hinweg malte: Ein Theaterprojekt von Theater hilft Leben e.V. und mehreren Kooperationspartnern.

Viva la Vida! – kaum jemand entspricht diesem Motto mehr als die mexikanische Malerin Frida Kahlo. Sie, die aufgrund einer Krankheit in der frühen Kindheit und infolge eines Unfalls unter starken Schmerzen und körperlichen Einschränkungen zu leiden hatte, feierte das Leben mit unverwüstlichem Humor. Der Verein Theater hilft Leben e.V. bringt nun die Lebensstationen und Emotionen der Künstlerin in Form eines inklusiven Theaterprojekts, umgesetzt von Darstellern mit und ohne Behinderung, unter der Leitung der Schauspielerin und Regisseurin Martina Mann auf die Bühne.

Im Zentrum des Stücks steht der von Humberto Robles verfasste Monolog „Frida Kahlo – Viva la Vida!“, um den herum die zahlreichen Facetten der Malerin von unterschiedlichen Darstellern in schauspielerischer, tänzerischer und musikalischer Form zum Ausdruck gebracht werden. Das Stück, das die Überwindung von Grenzen in den Fokus rückt, spielt mit den Gegensätzen. Frida Kahlos Leidenschaft für die Malerei wird hier ebenso wieder lebendig wie ihre Lieben, ihr Leiden, ihr unbändiger Lebenswille und ihre innere Fragilität, die mit der äußeren Zurschaustellung von Schönheit und Perfektion kontrastiert.

Theater hilft Leben e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der sich der Integration von Jugendlichen, Menschen mit einer Behinderung, politisch Verfolgten und Flüchtlingen ebenso widmet wie der Förderung der Jugend- und Altenhilfe und der Kunst und Kultur. Zu diesem Zweck führt der Verein Theaterprojekte durch, die einen leichteren Zugang zur sozialen Kommunikation und zur Integration innerhalb der Gesellschaft ermöglichen sollen.

Weitere Informationen unter www.theater-hilft-leben.de.

Foto: William Sanchez H.

 

Termine

Oper 2018

Landesjugendorchester NRW e. V. und Zukunft Kultur e. V.: Don Carlos

Landesjugendorchester NRW e. V. und Zukunft Kultur e. V. interpretieren gemeinsam mit mehreren Partnern den Klassiker „Don Carlos“ neu.

„corridors of power“ untersucht auf der Basis von Verdis „Don Carlos“ die Relevanz von Wissen, wie dieses Wissen generiert wird und wer dieses Wissen wofür nutzt. Zentrale Frage ist, wie viel Wissen, Daten, Information jeder einzelne in das System einspeist, was er dabei gewinnt und ob es eine Macht im Hintergrund gibt, die sammelt und steuert. „Don Carlos“ wurde von Verdi mehrmals umgearbeitet. Die Produktion „corridors of power“ stellt sich dem Versuch, eine für die heutige Zeit relevante Fassung zu erarbeiten und schreckt dabei auch vor starken aber notwendigen Eingriffen nicht zurück.

Aus dem 90jährigen blinden Großinquisitor bei Schiller und Verdi, dem scheinbar mächtigen Mann im Hintergrund, werden hier zwölf Gestalten, die als hilfreiche Geister die ganze Handlung tragen. Die Figuren des Spiels bedienen sich dieser Helferlein, die ihnen das Leben angenehmer machen, doch geraten sie dabei mehr und mehr in Abhängigkeit von deren System gemäß Mephistopheles’ Deal: Ich schaffe alles, was du brauchst, aber am Ende gehörst du mir.

So wird die modellhafte Sichtbarmachung von Systemen in das 21. Jahrhundert übertragen und die Frage gestellt: Wie funktioniert ein System und welchen Anteil hat jedes einzelne Individuum daran? Die Figuren der Handlung werden in ihren Charakteren eindeutig inszeniert und entsprechend bekleidet: König Philippe trägt nur eine Lederhose, schwarze Handschuhe und spielt – männlich aber verletzlich – mit bloßem Oberkörper. Er ist Produkt des Systems. Don Carlos wird als Clown entwickelt: ihm gelingt nichts, aber er hat unsere Sympathie. Marquis von Posa versucht sich in unterschiedlichen Erscheinungen und Tarnungen des Systems zu bedienen, immer um Unabhängigkeit bemüht. Eboli flirtet als „Hure“ des Stückes mal mit diesem, mal mit jenen, während die in roten Tüll gepackte Königin Elisabeth, klar in ihrer Rolle als Gattin des Königs, die zwölf Großinquisitoren als Bluthunde füttern wird.

Verdi bat den Librettisten um eine spektakuläre Szene für die Oper und erhielt das Autodafé. Diese Aufführung verweigert sich diesem Spektakel, wagt sozusagen einen Aufstand gegen das Verbrennen von Abtrünnigen und erzählt an dieser Stelle eine alternative Geschichte. Statt der Deputierten von Flandern kommen internationale Chormitglieder auf die Bühne und bringen die Vielfalt und den Reichtum ihrer Kulturen mit, vermischen für einen Moment die fiktive Welt der Inszenierung mit der Realität.

Sowohl die Sänger/innen und Darsteller/innen als auch die Aufführungsorte stellen einen internationalen Kontext dar: Die sechs „stummen“ Großinquisitoren sind mit Geflüchteten besetzt, die seit mehreren Jahren hier in Deutschland beim Verein Zuflucht Kultur e. V. Bühnenerfahrung gesammelt haben. Vervollständigt wird diese Diversität durch die Beteiligung des Landesjugendorchester NRW als „digital natives“ und gleichzeitige musikalische Leistungsträger.

Die Produktion ist eingeladen vom Gentfestival, das sich in 2018 mit dem Schwerpunkt „power“ beschäftigen wird. Gent als Mittelpunkt Flanderns wurde als textimmantenter Aufführungsort ausgewählt. In der Mitte Rumäniens, im Nationaltheater Sibiu, wo verschiedene Völker seit Generationen gemeinsam leben, wird die Aufführung dieses Systeme-Diskurses die geschichtliche Entwicklung in Europa aufgreifen.

Die Oper wird in NRW produziert und sowohl dort als auch in Gent aufgeführt, flankiert von einem Begleitprogramm an allen Aufführungsorten. (Bernd Schmitt)

Einbindung an den Spielorten

Um die Produktion an die Bürger der Stadt anzubinden, Publikum zu gewinnen und auf das Thema aufmerksam zu machen, wird in den einzelnen Städten ein Rahmenprogramm zu den Aufführungen von „corridors of power“ geplant.

Kulturinteressierte der einzelnen Städte werden ab Juli als Kulturpaten für die Produktion fungieren. Sie können Proben in Nottuln besuchen sowie einzelne Mitwirkende als Gastfamilie im Aufführungszeitraum aufnehmen.

In den Wochen vor der Aufführung wird es in ausgewählten Städten Vorträge des künstlerischen Teams zum Thema geben. Geplant ist beispielsweise ein Vortrag von Regisseur Bernd Schmitt über „Das Politische in der Musik“.

Vor der Aufführung wird ein Speedfriending Event stattfinden. Hier sollen Bürger der Stadt einzelne Akteure der Produktion persönlich kennenlernen und ins Gespräch kommen. Gruppierungen könnten sein: Teammitglieder und Bürger, Mitglieder des Landesjugendorchesters und Schüler, geflohene Musiker und Darsteller mit Geflohenen aus einem Flüchtlingsheim oder Begegnungszentrum.

Vor der Aufführung wird es eine Einführungsveranstaltung mit dem Regisseur, dem Intendanten und kulturpolitischen Akteuren geben. Im Anschluss an die Aufführung sind Kamingespräche von Teammitgliedern mit dem Publikum geplant. Eingerahmt werden die Aufführungen außerdem durch ein transkulturelles Catering von Projektküchen vor Ort und Beteiligten.

Dieses Rahmenprogramm wird für jede Stadt in enger Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Stadtmarketing, dem Einzelhandel und der Gastronomie und natürlich dem Spielort eigens erarbeitet und durchgeführt.


Verdi: Don Carlos – corridors of power

Philipp II: Simon Stricker
Don Carlos: Raymond Sepe
Rodrigue: Vladislav Pavliuk
Le Grand Inquisiteur (singend): Tibor Brouwer, Gabriel Klitzing, Andrejs Krutojs, Benoit Pitre, Patrick Ruyters, Pascal Zurek
Le Grand Inquisiteur (spielend): Asef Nemati Amiri, Abdullah Al Amir, N.N., N.N., N.N., N.N.
Élisabeth de Valois: Kristin Ebner
Eboli: Cornelia Lanz
Thibaut/ Une voix céleste: Maria Bernius

Landesjugendorchester NRW
Musikalische Leitung: Sebastian Tewinkel
Regie: Bernd Schmitt
Bühnenbild und Kostüm: Birgit Angele
Maske: Dieter Brenner
Technische Leitung/Licht/Video: Felix Hecker
Korrepetition: Stephen Hess
Choreografie Stepptanz: Pia Neises
Management Orchester: Rita Menke
Musikalische Assistenz: Emanuel Dantscher
Regieassistenz: Manuela Vieira
Assistenz Technik: Simon Riegel
Bühne- und Kostümassistenz: Kathrin Leneke
Requisite: Nadine Bergrath
Inspizienz: Birte Novak
PR/Öffentlichkeitsarbeit: Christina von Richthofen
Übertitel: Nyamka Bayar-Erdene
Crowdfunding: Annika Weiß

Französische Fassung mit deutscher Übertitelung, Dauer: 120 Minuten

Gefördert und unterstützt durch Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, Landesmusikrat NRW, Kunststiftung NRW, Kultursekretariat Gütersloh, Bayer Kultur, Landschaftsverband Rheinland, Andreas und Ute Kohm Stiftung, Julian Prégardien, und von Unterstützer/innen beim crowdfunding auf startnext.


Fotos: Lars Heidrich

Termine

Die Kulturhalle an der Langemarkstraße 1-3 ist der beliebteste Kleinkunstsaal in Dormagen. Sie ist die ideale Veranstaltungsstätte für Theater- und Kabarettabende, Konzerte und Lesungen. (mehr …)

ADRESSE

Kulturhalle Dormagen
Langemarkstraße 1-3
41539 Dormagen

ANSPRECHPARTNER

Herr Olaf Moll
kulturbuero@stadt-dormagen.de
Telefon 02133/257338

LEITUNG

Leitung: Kulturbüro Stadt Dormagen, Olaf Moll, 02133/257338
Verwaltungsleitung: Kulturbüro Stadt Dormagen, Olaf Moll, 02133/257338

THEATERDATEN

Spielzeitstart: Januar
Spielzeitende: Dezember
Sparten: Kabarett, Theater, Musik
Sitzplätze: 199
Bühnenraum: 9,5m x 5m, Höhe 100cm, lichte Höhe 5m
Technikplan

www.dormagen.de

Die Freilichtbühne Zons ist eine beliebte Open-Air-Bühne in Dormagen mit einem Fassungsvermögen von maximal 960 Zuschauern. (mehr …)


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